Schaudepot Sömmerda

 

Ein spontanes Klubtreffen

Im Frühjahr 2025 lud Werner im Signal-Messenger und per eMail zu einem Museumsbesuch am Brückentag zwischen 1. Mai und Wochenende nach Sömmerda ein. Für unser Mitglied Scotti war es ein Heimspiel, aber auch Dieter reiste aus Schmalkalden an, weitere Gäste kamen aus Erfurt, wenn auch Matthias der Geburtstagsfeier seiner Frau den Vorrang geben musste. Für alle, denen die Anreise zu weit oder für die das lange Wochenende schon anders verplant war, hier als Ersatz ein kleiner Bericht.

Sömmerda ist aus jüngerer Zeit bekannt als der Produktionsort des in hoher Stückzahl hergestellten DDR-Bürocomputers PC 1715. Dem dortigen Historisch-Technischen Museum (mit regelmäßigen Öffnungszeiten) ist das "Schaudepot des Stadtarchivs" angeschlossen, wo nur auf Anfrage Führungen gegeben werden.

 

 

Zwischenstopp auf der Anreise

Die Rast- und Tankanlage "Leubinger Fürstenhügel" an der A71 (Schweinfurt - Sangerhausen) hebt sich von anderen Einrichtungen dieser Art durch ein kulturelles Angebot ab: um sich die Beine zu vertreten, kann man hier einen kleinen Spaziergang auf eine Aussichtsplattform unternehmen, die sich auf einem künstlich angelegten Hügel befindet. Dieser wurde in der Bronzezeit als Grab für eine offensichtlich damals herausragende Persönlichkeit der Region angelegt, der genaue Rang und Name sind nicht mehr bekannt.

 

 

Die "Montagstruppe"

Alle trafen pünktlich zur vereinbarten Zeit ein, auch Dieter, obwohl dessen Navi-App versucht hatte, ihn ohne tatsächlichen Grund auf einen zeitraubenden Umweg zu lotsen.

Eine Handvoll ehemaliger Mitarbeiter (sie nennen sich selbst die Montagstruppe) des inzwischen nicht mehr bestehenden Büromaschinenwerks engagiert sich ehrenamtlich, um die bis zu 100 Jahre alte Technik nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Herr Radestock, der in der Entwicklungsabteilung der PC-Produktion gearbeitet hatte und zuletzt deren Chef war, ist einer von ihnen und opferte bereitwillig seine Freizeit, um uns eine Führung durch die Räume im Erdgeschoss eines Plattenbau-Wohnblocks zu geben.

Als kleines Begrüßungsritual konnte sich jeder im Eingangsbereich an einer Stechuhr "anmelden". Dann begannen auch schon seine interessanten und ausführlichen Erläuterungen zur Geschichte und Produktpalette des Betriebs.

 

 

 

Etwas Geschichte und Firmenlogos

Die einstige Ackerbürgerstadt Sömmerda entwickelte sich seit 1840 zu einer Industriestadt. Der hier geborene Johann Nicolaus von Dreyse gründete mit dem Kaufmann Kronbiegel eine Eisenwarenfabrik. 1827 erfand er das Zündnadelgewehr und bekam von der preußischen Regierung die Mittel zur Errichtung einer Gewehr- und Munitionsfabrik, die ab 1841 produzierte. Nach einem Konkurs wurde 1901 die Fabrik von Rheinmetall Düsseldorf übernommen. Wegen des Versailler Vertrags von 1919 musste die Produktion auf zivile Erzeugnisse umgestellt werden - in Sömmerda waren das Schreib- und Rechenmaschinen.

1933 vergrößerte sich Rheinmetall durch den Kauf eines in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Berliner Lokomotivenherstellers, die Firma änderte sich 1936 in "Rheinmetall-Borsig AG", im Firmenlogo kam ein stilisiertes Lokomotivrad hinzu. Inzwischen wurden auch wieder Rüstungsgüter produziert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk, das anders als die Betriebe in Düsseldorf von Zerstörungen verschont geblieben war, zunächst für drei Monate von amerikanischen Truppen besetzt. Sie interessierten sich für die hier hergestellte Steuerung der "V2"-Raketen, aber auch die danach kommenden sowjetischen Militärs sollen noch zwei Raketen gefunden und requiriert haben. Die Besatzungsmacht ordnete an, dass wieder zivile Produkte, insbesondere Schreib- und Rechenmaschinen, hergestellt werden sollten. Sie wurden als Reparationsleistungen in die Sowjetunion geliefert, auch Produktionsanlagen wurden demontiert und in der SU wieder aufgebaut. Ab Juli 1946 war der Fimenname "Rheinmetall-Borsig SAG", Anfang 1950 wurde das Werk der SAG "Awtowelo" zugeordnet (SAG = Sowjetische Aktiengesellschaft).

So variierten im Laufe der Jahre die Firmenlogos auf den Maschinen. 1952 benannte sich das an die DDR zurückgegebene Werk in "VEB Mechanik Büromaschinenwerk Sömmerda" um und verwendete den Produktnamen "Supermetall", etwa 10 Jahre später "Soemtron", im Ausland wurden auch andere Markennamen verwendet.

     

 

Die Sömmerdaer Produkte

Kehren wir von den längst nicht vollständigen firmengeschichtlichen Ausführungen zur Produktpalette und dafür zunächst in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg zurück.

Vorteil der Schreibmaschinen gegenüber denen der Konkurrenz war der abnehmbare Wagen. Die Maschinen wurden auch in andere Länder exportiert. Schreibmaschinen waren damals ein Statussymbol in bürgerlichen Haushalten, so gab es sie nicht nur in technisch unterschiedlichen Ausführungen, sondern auch in vielfältigen Designs bis zur zu den Möbeln passenden Holzmaserung.

Mit der zunehmenden Industrialisierung wuchsen die Anforderungen der Büros in den Firmen. Die Erfahrungen in der Feinmechanik befähigten die Konstrukteure, das Angebot auf Rechenmaschinen zu erweitern, zunächst rein mechanische, wie schon die von Pascal, Schickard oder Leibniz, nun aber nicht mehr von Uhrmachern gefertigte Einzelstücke, sondern in Serienfertigung. Sie beherrschten entweder Addition und Subtraktion oder außerdem Multiplikation und Division. Nachteilig war zunächst noch die manuelle Bedienung und, dass das Resultat abgelesen werden musste, eine Fehlerquelle für das Weiterverarbeiten der Ergebnisse.

     

Warum eigentlich auf einer Maschine die Rechnungen ausführen und die Resultate dann auf einer anderen Maschine zur Archivierung erfassen? Der nächste Schritt, die Buchungs- und Verwaltungstätigkeiten schneller und sicherer zu machen, waren (inzwischen elektrisch angetriebene) Buchungsmaschinen und Fakturiermaschinen. Der Unterschied ist, dass Fakturiermaschinen auch multiplizieren und dividieren konnten und damit Stückzahlen mit Preisen malnehmen und für die Resultate Steuern oder Skonti ermitteln konnten. Im Unterschied zu heutigen Computern mussten die Parameter für diese Vorgänge (wie auch z.B. das Datum im Briefkopf) noch manuell bereitgestellt werden, hierfür lässt sich im Schaudepot die Entwicklung über die Jahrzehnte sehr schön nachverfolgen: mechanische Abtastung von hervorstehenden Stiften, später Lochkarten und Lochbänder, Ferritkernspeicher, Matritzen mit einzustöpselnden Diodenstiften
   

In die Rechen- und Buchungsmaschinen zog mehr und mehr die uns heute bekannte Elektronik ein: zunächst Relais und Röhren, später Transistoren, Speicher, Ziffernanzeigeröhren, die von LED-Displays abgelöst wurden, ab 1971 wurden auch Drucker (Paralleldrucker für Großrechenanlagen, Typenraddrucker, Mosaikdrucker, Thermodrucker) hergestellt, ab 1981 schließlich auch Computer.

Als Drucker ist für uns 8-bit-Nostalgiker der K6313 (9-Nadel-Drucker) besonders interessant, der unter anderem Namen (“Präsident“) in den alten Bundesländern verbreitet war, da für ihn auch Interface-Kassetten für unterschiedliche Computer geliefert werden konnten, wie zum Beispiel für Atari und Commodore.

   

Ein erfolgreicher Bürocomputer war der PC 1715 (8 bit: Betriebssystem "SCP" [Singlecomputer Control Program], das nicht zufällig dem CP/M zum Verwechseln ähnelte), 1987 kam der EC 1834 hinzu (16 bit: das DOS trug hier den Namen DCP [Disc Control Program]). Für Betriebssysteme und Anwendungsprogramme (aus dBase II wurde REDABAS, aus Wordstar TP [Textprogramm oder Textprozessor]) wurde nicht nur, wie oft behauptet, der Copyright-Vermerk umgeändert, sondern es mussten auch Anpassungen auf die jeweilige Hardware vorgenommen werden.

     

In den 1950ern wurde begonnen, auch "Konsumgüter" (also eigentlich branchenfremde Sachen) zu produzieren, um die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Das waren zum Beispiel Mopedmotoren, Fotoapparate (Weltax und Exa), Küchengeräte (Entsafter, Kleingebäckpressen), bis hin zu Stereoradios. Das führte nach Herrn Radestocks Einschätzung leider zu einer gewissen Verzettelung, einem Verlust an schöpferischen Kapazitäten für Entwicklung und Herstellung der eigentlichen Kernprodukte. Das mag auch die Ursache dafür gewesen sein, dass einer der produzierten Drucker einen Prozessor hatte, der nur für das Interface zuständig war - und nicht für viele andere Aufgaben des Druckers, die er auch hätte steuern können. So übernahm das weiter die Mechanik und so blieb er auch ein Gerät von beachtlichem Gewicht.

     

Nach der Währungsunion war ein solcher Wirtschaftsstandort nicht mehr zu halten. Wirklich rentabel war er schon vorher nicht, die Chip- und Computerproduktion wurde massiv subventioniert, natürlich zu Lasten anderer Wirtschaftszweige. Die DDR verfügte kaum über Bodenschätze, musste sie auf dem Weltmarkt für harte Währung einkaufen. Diese war nur dadurch aufzutreiben, dass Produkte unter Wert in das NSW (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) exportiert wurden, wo sie als Schnäppchen in den Katalogen von Quelle und Neckermann auftauchten. Die Auswirkungen der Embargoliste für die östlichen Volkswirtschaften trug auch ihr Teil bei. Unter solchen Umständen konnte natürlich auch keine Kapitalreserve aufgebaut werden, um eine größere Durststrecke zu überbrücken. Ohne Abschottung durch den DDR-Staat mussten nun auch für die (Nach-)Nutzung von Software Lizenzen gezahlt werden. Eine Zeit lang wurden noch Computer (Fujitsu) zusammengebaut, aber auch hier gab es keine Chance gegen die effizienteren Großhersteller in Fernost. Eine Werbekampagne mit dem Thüringer Löwen im Firmenlogo wurde nach der Klage der Anwälte eines französischen Automobilherstellers zu verbranntem Geld.

2019 gab es eine Ausstellung "Zwei Jahrhunderte Industriegeschichte in Sömmerda". Die Wandtafeln der Ausstellung sind in das Schaudepot integriert worden. Die, die leider nicht dort waren, können aber im Katalog noch viele weitere interessante Sachen nachlesen.

Wir danken herzlich Herrn Radestock und wünschen ihm von Herzen, dass sich doch noch jüngere Enthusiasten finden, die dieses Ehrenamt fortsetzen, damit nicht am Ende alles von unwissenden Dritten als vermeintlicher "Schrott" entsorgt wird.

Thomas Rademacher im Juni 2025